brille Deiner Argumentationskette heraus ist dies absolut richtig.
> Aber ich schiebe Mark Twain hinterher: “Prophesy is a good line of
> business, but it is full of risks.”
Wer wollte das bestreiten!
> Nach Deinem Exkurs über chinesische Philosophie, sehe ich ein, dass
> wohl meine Interpretation von dem Wort “Option” eine andere ist
> In meiner Denke handelt es sich bei Putins China-Option um eine
> mögliche Chance, die er vielleicht ziehen will, aber es steht offen,
> ob er sie denn überhaupt ziehen kann. Insofern ist sie für mich
> ähnlich zu bewerten, wie die von Dir zitierten Wallstreet-Optionen
> ergo ist sie spekulativ.
Ergo wird er alles vorausschauend planen, um seine Optionen dann
ziehen zu können und so das Spekulative in Grenzen zu halten. Aber
mal ehrlich: Ist nicht alle Politik auf die Zukunft ausgerichtet und
daher auch immer zu einem guten Teil spekulativ? Und kommt es nicht
eben deswegen darauf an, sich Zukunftsoptionen aufzubauen und sie so
abzusichern, daß sie mehr sind, als eine bloße Chance?
> Da ich Geschichte als dynamischen Prozess mit vielen Unbekannten
> sehe, halte ich diese “Option” nicht für ein real verwertbares Gut,
> da die Zeit, die Du Putin zugestehst, sich auch in eine andere
> Richtung entwickeln kann.
Wer wollte das bestreiten?! Aber weil dem so ist, wie Du sagst,
gewinnt eben gerade die Option politisch an Bedeutung, je konkreter
sie vorangetrieben wird. Daß deswegen es trotzdem erstens anders
kommen kann, als man zweitens denkt, ist politische Metaphysik, die
bei den Planungen zwar mitgedacht ist (weshalb man sich ja dann auch
Ausweichoptionen offenhält), aber deswegen nun nicht die
unausweiliche Bedeutung erhält, die Du ihr zu geben scheinst.
> Ich denke nützlicher für die Erklärung meiner China-Prognose als der
> Dualismus ist mein pessimistisch, materialistisches Menschenbild.
> Staatsformen und politische Systeme sind ebenfalls dynamischen
> Prozessen unterworfen.
Vielleicht sollte sich Dein pessimistisches in ein skeptisches
Menschenbild verwandeln, um den dynamischen Prozessen, dem Kommen und
Gehen von Staatsformen und politischen Systemen Deine Aufmerksamkeit
zu widmen. Der Pessimismus hat immer auch etwas Moralisches an sich,
was dann wiederum den Geist hindert, objektiv zu urteilen.
> Chinas Yin, die Boomregionen und Profiteure
> der Globalisierung haben vom Honigtopf genascht.
Sofern die bittere ökonomische und weltpolitische Notwendigkeit nach
dem Zusammenbruch des Welt-Kommunismus ein Honigtopf ist…
> Ob (Punkt eines
> möglichen Zurücks) mit ihnen eine Rückkehr zur Isolation vom EU- und
> US-Handel möglich ist, BEVOR sich das Gleichgewicht der Märkte
> nachhaltig zugunsten Asiens verschoben hat, wage ich stark zu
> bezweifeln, der Honig ist zu süß;
Sie beabsichtigen doch gar keinen Isolationismus, sondern die
Gestaltung eines asiatischen Zukunftsmarktes als Alternative zum
westlichen Weltmarkt. Das ist ein großer Unterschied! Vielleicht bist
Du in Deinem Denken von Alternativen, bei allem Respekt da selbst
etwas zu rückwärtsgewandt? Es gibt ja auch noch gar kein
Gleichgewicht der Märkte, welches sich zugunsten Chinas verschieben
könnte, weil es den asiatischen Markt, so wie er von Russland, China
und Indien angestrebt wird, noch gar nicht gibt, sondern erst
geschaffen werden muß. Hier eilst Du dann in Deinem Denken von
Alternativen der Zeit weit voraus!
> und ich denke Chinas Potentaten
> wissen das und werden sich nicht auf ernsthafte Handelskriege mit der
> USA/EU einlassen und deren Regeln so gut wie eben nötig einhalten.
Ich würde Dir mal die Lektüre über den Krieg von Sunzu empfehlen. In
diesem Jahrunderte alten Buch kannst Du viel über die Kunst der
Kriegsführung der Chinesen erfahren und wirst über die Aktualität
erstaunt sein.
> Sollte es zum Showdown, wir oder Putin kommen, befürchte ich China
> würde Putin fallen lassen, wie eine heiße Kartoffel.
> China hat Zeit, momentan ihnen alles in die Hände … es wäre
> leichtsinnig diese Position zu gefährden.
Wie gesagt, da kommen unsere beiden Standpunkte nicht zusammen.
>
> Da stimme ich Dir zu, möchte nur anmerken, dass sich das Spektrum,
> innerhalb dessen China (auch Russland) dem Weltmarkt widersetzen kann
> (noch) eher eng bemessen ist.
Ich betrachte die ganze Entwicklung in China als eine Anfangsphase,
nicht als einen Höhepunkt, auch wenn der ganze Boom danach aussieht.
Über das Widersetzen kannst Du bei Sunzu die Weisheiten finden, von
denen sich China noch heute leiten läßt, weil sie eben zeitlos sind.
> Genau dieses Paradoxon wende ich auf ALLE Akteure (also auch EU/USA)
> an
Und Du tust recht damit!
> >
> > Wie gesagt: Dein Denkfehler scheint mir zu sein, daß Du hier von
> > einem einzigen System ausgehst, dem des westlichen Weltmarktes. Wäre
> > dem so, wie Du vermutest, hättest Du natürlich recht. Aber ich
> > fürchte, dem ist nicht so, wie ich natürlich hier nur sehr
> > unvollkommen versuchen konnte, Dir nochmals deutlich zu machen.
>
> Ich habe Deinen Ansatz schon verstanden, halte andererseits meinen
> Ansatz nicht wirklich für einen Denkfehler, sondern eher für einen
> “alternativen” Ansatz, der dem Momentum (dem Scharfen) mehr Rechnung
> trägt, als der prognostizierten Zukunft (dem Unscharfen); und hier
> könnte ich mit dem obigen Twain-Zitat schliessen
Ich denke, es ist eine Frage von Weit-oder Kurzsichtig und welche
Brille man für das eine oder andere braucht. Vielleicht wollte ja
Mark Twain mit diesem Spruch Reklame für gute Brillen machen?
Gruss auch Dir!
VJ